Eine Frau gegen die Konventionen
Als Nelly Bly Ende des 19. Jahrhunderts ihre journalistische Laufbahn begann, war die Rollenverteilung in Redaktionen klar. Männer berichteten über Politik, Wirtschaft und Skandale, Frauen über Haushalt oder Gesellschaft. Bly akzeptierte diese Grenzen allerdings nicht. Sie wollte Missstände aufdecken und Verantwortungsträger zur Rechenschaft ziehen.
Geboren 1864 als Elizabeth Jane Cochran in Pennsylvania, wählte sie ihren Künstlernamen zudem bewusst provokant. Früh zeigte sich ihr journalistischer Antrieb. Sie suchte Nähe zu den Menschen, über die sie schrieb, und stellte zudem Fragen, die andere mieden. Ihr Ziel war nicht Aufmerksamkeit um jeden Preis, sondern Veränderung durch Öffentlichkeit.
Undercover für die Wahrheit
Berühmt wurde Nelly Bly 1887 schließlich durch ihre Undercover-Recherche in einer psychiatrischen Anstalt auf Blackwell’s Island in New York.
Um die Zustände realistisch zu schildern, ließ sie sich selbst einweisen. Zehn Tage lang erlebte sie Hunger, Kälte und systematische Demütigung. Pfleger behandelten Patientinnen respektlos, medizinische Versorgung blieb zudem oft aus.
Ihre Reportage sorgte für öffentliche Empörung. Die Stadtverwaltung leitete infolgedessen Untersuchungen ein, zusätzliche Gelder flossen in die Versorgung der Einrichtungen.
Bly zeigte somit, dass Journalismus mehr sein kann als Beobachtung von außen.
Ihre Arbeit machte deutlich, welche Wirkung gründliche Recherche und persönlicher Einsatz entfalten können.
Tempo, Öffentlichkeit und Selbstbewusstsein
Ein weiterer publizistischer Erfolg folgte 1889. Inspiriert von Jules Vernes Roman reiste Nelly Bly allein um die Welt – schneller als jede Person zuvor. Nach 72 Tagen kehrte sie zurück. Die Reise war journalistisches Experiment und gesellschaftliches Signal zugleich. Eine Frau konnte allein reisen, berichten und ein Millionenpublikum erreichen.
Zeitungen begleiteten die Reise täglich. Leser fieberten mit, Wetten wurden abgeschlossen, der Name Nelly Bly wurde außerdem international bekannt.
Sie nutzte diese Aufmerksamkeit gezielt, um ihre Unabhängigkeit zu stärken und Themen selbst zu setzen.
Journalistische Bedeutung bis heute
Nelly Bly gilt als Wegbereiterin des investigativen Journalismus. Ihre Methoden waren neu, mutig und nicht unumstritten. Kritiker warfen ihr Täuschung und Selbstgefährdung vor. Gleichzeitig zeigte sie, dass Missstände oft nur sichtbar werden, wenn Reporter bereit sind, Komfortzonen zu verlassen.
Auch heute bleibt ihre Arbeit aktuell. Undercover-Recherchen, der Schutz von Schwachen und die Kontrolle staatlicher Institutionen sind zentrale Aufgaben des Journalismus.
Bly steht somit exemplarisch für einen Berufsethos, der Verantwortung vor Bequemlichkeit stellt.
Ein Vermächtnis mit Aktualität
Nelly Bly starb 1922. Ihr Einfluss wirkt weiter – in Redaktionen, Ausbildungsstätten und Debatten über journalistische Grenzen.
Ihr Leben wirft zudem eine zeitlose Frage auf: Wie viel Mut braucht Journalismus, um seiner gesellschaftlichen Rolle gerecht zu werden?
Diskutieren Sie mit – wir sind gespannt auf Ihre Meinung.
Quellen:
Fotos: H. J. Myers, photographer, Public domain, via Wikimedia Commons
Pressemeldung: Grundlage des Artikels sind öffentlich zugängliche historische Darstellungen
Anmerkung der Redaktion: Für bessere Lesbarkeit verzichten wir in unseren Beiträgen weitestgehend auf geschlechtergerechte Sprache. Mehr dazu
