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Einsam. Ich fühle mich nur noch einsam. Die Schmerzen haben keine Bedeutung mehr. Dafür gibt es Medizin und die verschreibt mir der Doktor zur Genüge. Tabletten, damit das Wasser aus den Beinen geht; Pillen, die den Blutdruck senken; Spritzen, die den Zucker in Grenzen halten; weitere Pillen, damit die Schmerzen vergehen und die einen leichten Schleier auf mein Gemüt legen. Und manchmal, ja manchmal auch die großen Pillen, damit ich besser einschlafen kann. Die habe ich gesammelt. In meinem Nachttischchen. Heimlich. Der Doktor verschreibt immer nur ein eine. Seien Sie damit vorsichtig, sagt er. Nehmen Sie nur eine halbe. – Ja, natürlich, Herr Doktor. Neben meinem Sofa steht eine halbe Flasche Bier. Dass ich mal trinke, das hätte ich mir nicht träumen lassen. Aber nur ein oder zwei Flaschen am Tag. Wenn die Dame von der Pflege kommt, darf ich ja nicht betrunken sein. Nur einen leichten Schwips. Damenschwips haben wir das früher genannt. Ich schmunzle ich mich hinein. Ja, Damenschwips. Als ich jung war, hatte ich manchmal einen von denen. Damals sind wir ausgegangen, zum Tanz auf den Saal. Wir haben lange Zeit vor dem Spiegel  verbracht, die Lippen rot gemalt und die Haare eingedreht. Die Helga war die erste von uns, die geheiratet hat. Und dann bekam sie das erste Kind. Iris die zweite, wenn ich mich nicht irre. Manchmal bringt mein Verstand schon das ein oder andere durcheinander. Nacheinander haben alle geheiratet und Kinder bekommen. Ich habe nur geheiratet, den Werner. Kinder hatten wir nicht. Werner ist schon lange nicht mehr da, die letzten 24 Jahre bin ich allein. Besuchen kommen mich nur die Damen von der Pflege. Zehn Minuten am Tag. Mehr zahlt die Krankenkasse nicht. Ich denke oft, dass sie nur schauen, ob ich noch lebe. Das tue ich. Jeden Tag. Also kommen sie wieder, am nächsten Tag. Auch dann lebe ich noch und so kommen sie wieder tags drauf. Eine unendliche Geschichte. Noch. Irgendwann wird das ein Ende haben.

„Frau Meier?“ Die Haustür geht auf. „Frau Meiher! Geht es Ihnen gut?“ Die Dame von der Pflege. Langsam schiebe ich die Bierflasche hinter meinen Sessel. Vorsichtig. Wenn sie umfällt, muss der Boden gewischt werden. „Ja Fräulein, mir geht es gut.“ „Brauchen Sie irgendwas?“ Während ich mit dem Kopf schüttele, lässt sie sich gegenüber auf einem Stuhl nieder. „Was macht Ihr Blutdruck? Haben Sie Ihre Tabletten genommen? Waren Sie schon auf der Toilette?“ Ich sage ihr wieder, dass alles gut ist. Sie hört nicht hin, oder doch? Zwischendurch macht sie Notizen in der Akte. Ja, die Alte lebt noch, hat ihre Tabletten genommen und der Blutdruck ist stabil. Stuhl ist etwas hart. „Gut Frau Meier, dann bis morgen“ zwitschert sie. Ja, bis morgen.

Die Tür fällt ins Schloss und ich bin allein. Wieder vorsichtig greife ich hinter den Sessel und manövriere meine Flasche Bier zurück ins Tageslicht. Ich gönne mir einen großen Schluck. Irgendwie schmeckt das Bier noch schlechter als sonst, deswegen stelle ich es beiseite. (Zum Glück muss ich es für heute nicht mehr verstecken.) Früher schmeckte es noch, als wir über die Tanzfläche fegten. Heute ist alles anders. Ich denke wieder an die Pillen, die in meinem Nachtschrank liegen. Wie viele man wohl braucht? Mühsam stehe ich auf, stütze mich auf meinem Sessel ab und starre auf die wenigen Stufen Richtung Schlafzimmer. Drei , nur drei. Die ich kaum bewältigen kann. Schlurfend erreiche ich die Treppe und halte mich am improvisierten Geländer fest. Es ist ein Seil, gespannt von oberhalb der Stufen bis unterhalb. Dann rutscht der Dübel aus der Wand, und ich spüre noch kurz einen brennenden Schmerz auf meiner Stirn. Keine Gedanken mehr, und keine Gefühle. Keine Farben und Geräusche. Es ist dunkel.


Quellen:
© Karolin Pilz – 22. Mai 2020
Foto vom Marko Milivojevic auf Pixnio 

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