Hannovers Hauptbahnhof trennt derzeit zwei Vorstellungen von Aufenthaltsqualität
Auf der Seite Richtung Lister Meile hat die Stadt den Raschplatz auf rund 4.000 Quadratmetern bunt gestalten lassen.
Kunst, Bewegung und Begegnung sollen einen schwierigen Ort beleben, das Sicherheitsgefühl verbessern und Menschen dazu bringen, sich wieder gern dort aufzuhalten.
Die Stadt stellt allein für das Bodenkunstwerk 250.000 Euro bereit.
Nur wenige Gehminuten entfernt, auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs, zeigt sich ein anderes Bild:
Rund um Georgstraße, Ernst-August-Platz, Andreaeplatz und angrenzende Bereiche kämpfen Teile der Innenstadt nach meiner Beobachtung weiterhin mit Müll, verwahrlosten Ecken und teilweise beißendem Uringeruch.
Bereits im August 2025 berichtete Be-The.News darüber und richtete unter dem Titel „Müll City Hannover?“ einen offenen Brief an Verwaltung und Politik.
Gefordert wurden unter anderem besser zugängliche Toiletten, größere Mülleimer, häufigere Leerungen und eine verlässliche Reinigung.
Nun ist Geld vorhanden. Sehr viel Geld sogar.
Aber zunächst für ein Bodenkunstwerk.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Die Stadt Hannover stellt 250.000 Euro für die Bodenkunst am Raschplatz bereit.
- Hinzu kommen Kosten für eine Halfpipe, Beteiligung, Transport sowie Pflege und Instandhaltung.
- Der bekannte Finanzierungsrahmen des Gesamtpakets beträgt bis zu 610.000 Euro.
- Davon sind nicht 610.000 Euro Steuergeld.
Ein Teil der weiteren Projektkosten wird durch die Sparkasse sowie private Spenden und Sponsoring getragen. - Die künstlerische Umgestaltung gilt als Zwischenlösung bis zum geplanten Umbau des Raschplatzes im Jahr 2028.
- Kosten für eine mögliche spätere Entfernung, Überbauung oder Wiederherstellung der Fläche sind in der Beschlussdrucksache nicht ausdrücklich ausgewiesen.
- Zusätzliche Toiletten und dauerhafte Verbesserungen bei der Reinigung werden dagegen weiterhin geplant, geprüft oder zunächst nur modellhaft erprobt.
Die Frage lautet deshalb nicht, ob Kunst Geld kosten darf.
Die Frage lautet: Sind Hannovers Prioritäten richtig gesetzt – und kennen wir überhaupt schon den vollständigen Preis?
Kunst kann einen schwierigen Ort verändern
Wer das Projekt fair beurteilen will, darf es nicht einfach auf ein paar Eimer Farbe reduzieren.
Der Raschplatz gilt seit Jahren als schwieriger Ort.
Viele Menschen empfinden ihn als unangenehm oder unsicher.
Wohnungslose und suchtkranke Menschen halten sich dort auf, soziale Einrichtungen liegen in unmittelbarer Nähe und unterschiedliche Nutzergruppen treffen aufeinander.
Die Stadt will deshalb eine kontinuierliche Nutzungskultur schaffen.
Street-Art, Sport, Veranstaltungen und Beteiligungsangebote sollen mehr Menschen auf den Platz bringen und dadurch auch die sichtbare soziale Kontrolle erhöhen.
Ein Teil des Bodenkunstwerks wurde gemeinsam mit Menschen gestaltet, die sich regelmäßig am Raschplatz aufhalten.
Die Beteiligung soll Identifikation schaffen und das Verantwortungsgefühl für den öffentlichen Raum stärken.
Das ist ein nachvollziehbarer Ansatz.
Kunst kann Räume verändern. Sie kann Begegnung ermöglichen, Barrieren abbauen und Orte beleben, die zuvor vor allem als Durchgangs- oder Angsträume wahrgenommen wurden.
Aber eine nachvollziehbare Idee ist noch kein Freibrief für jede Rechnung.
Eine Viertelmillion Euro für den Boden
Für das rund 4.000 Quadratmeter große Bodenkunstwerk stellt die Stadt Hannover 250.000 Euro aus ihrem Haushalt bereit.
Das entspricht rechnerisch etwa 62,50 Euro pro Quadratmeter.
Dieser Betrag umfasst selbstverständlich mehr als die verwendete Farbe.
Untergrundarbeiten, Planung, Honorare, Material, Organisation, Absperrungen und Projektsteuerung können erhebliche Kosten verursachen.
Eine detaillierte öffentlich sichtbare Aufschlüsselung der 250.000 Euro findet sich in der Beschlussdrucksache allerdings nicht.
Damit bleiben zentrale Fragen offen:
Wie viel entfällt auf Künstlerhonorare?
Wie teuer waren Material und Vorbereitung des Untergrunds?
Welche Kosten entstanden für Planung und Projektleitung?
Wurde das Projekt ausgeschrieben?
Und wurden die bereitgestellten 250.000 Euro inzwischen vollständig ausgegeben?
Bei einer Viertelmillion Euro öffentlicher Mittel sind das keine kleinlichen Nachfragen.
Sie gehören zur notwendigen Transparenz.
Bis zu 610.000 Euro für das Gesamtpaket
Bei den 250.000 Euro bleibt es nicht.
Die Sparkasse Hannover stellt 150.000 Euro für die Anschaffung der Halfpipe bereit.
Für 2027 und 2028 folgen jeweils weitere 50.000 Euro für Pflege und Instandhaltung des Bodenkunstwerks und der Halfpipe.
Zusätzlich sind 60.000 Euro für den Beteiligungsprozess sowie bis zu 50.000 Euro für die Logistik beziehungsweise den Transport der Halfpipe vorgesehen.
Diese Mittel sollen durch private Spenden oder Sponsoring gedeckt werden.
Zusammengerechnet umfasst das bekannte Projektpaket damit einen Finanzierungsrahmen von bis zu 610.000 Euro.
Das muss sauber eingeordnet werden:
Nicht die gesamte Summe stammt aus dem städtischen Haushalt.
Die 250.000 Euro für die Bodenkunst sind jedoch ausdrücklich kommunale Haushaltsmittel.
Auch die Folgekosten dürfen nicht ausgeblendet werden. Bereits für 2027 und 2028 sind Mittel zur Auffrischung und Pflege eingeplant.
Selbstverständlich verursachen auch Reinigung und Müllentsorgung laufende Kosten.
Wer ein öffentlich finanziertes Projekt beurteilen will, sollte deshalb nicht nur auf den Eröffnungspreis schauen.
Sondern nach ihrem langfristigen Nutzen und den gesamten Kosten über die Nutzungsdauer bewerten.
Entscheidend ist, also was es über seine gesamte Nutzungsdauer kostet.
Ein Kunstwerk auf Zeit?
Die Stadt bezeichnet die künstlerischen Maßnahmen als Zwischenlösung bis zum geplanten Umbau des Raschplatzes im Jahr 2028.
Damit stellt sich eine weitere Frage: Was geschieht anschließend mit dem Kunstwerk?
Bleibt die Gestaltung erhalten? Wird sie überbaut? Muss die Beschichtung entfernt werden? Wird der Untergrund im Zuge des Umbaus ohnehin vollständig erneuert?
Und falls ein Rückbau oder eine Wiederherstellung notwendig wird: Wer bezahlt diese Arbeiten?
In den öffentlich zugänglichen Angaben werden mögliche spätere Rückbaukosten nicht gesondert ausgewiesen.
Es wäre unseriös, bereits jetzt zu behaupten, dass 2028 zwingend eine weitere teure Entfernung folgt.
Genauso unseriös wäre es jedoch, mögliche Folgekosten bei der Bewertung vollständig auszublenden.
Gerade bei einem ausdrücklich als Zwischenlösung beschriebenen Projekt muss die Frage nach Lebensdauer und Rückbau erlaubt sein.
Auf der anderen Bahnhofsseite riecht die Realität anders
Die Probleme, die Be-The.News bereits im August 2025 thematisierte, bestehen vor allem auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs.
In den Fußgängerzonen rund um die Georgstraße häufen sich weiterhin immer wieder Abfälle. Der Geruch nach Urin hällt sich an manchen Gebäudeecken selbst nach Reinigungen hartnäckig. Betroffen sind nach aktueller Beobachtung auch Bereiche rund um den Andreaeplatz und die angrenzenden Straßen. Es geht dabei nicht darum, pauschal wohnungslose oder suchtkranke Menschen verantwortlich zu machen.
Öffentliches Urinieren ist kein ausschließliches Randgruppenproblem. Auch Partygänger, Nachtschwärmer, Besucher und Passanten stehen irgendwann vor demselben biologischen Problem, wenn Geschäfte, Gastronomie und Einkaufszentren geschlossen sind.
Wer Wildpinkeln verhindern will, benötigt deshalb nicht nur Verbote und Bußgelder.
Er benötigt erreichbare, saubere, gut ausgeschilderte und möglichst kostenfreie Toiletten – insbesondere in den Abend- und Nachtstunden.
Eine Toilette, die geschlossen ist, wenn sie gebraucht wird, ist ungefähr so hilfreich wie ein Feuerlöscher im Nachbargebäude.
Hannover kennt das Problem längst
Die Stadt kann nicht behaupten, von der Problematik überrascht worden zu sein.
Bereits 2024 beschloss der Rat unter der Überschrift „Ohne Sauberkeit keine Aufenthaltsqualität“, weitere öffentliche Toiletten an zentralen Plätzen zu prüfen.
Außerdem wurden urinabweisende Anstriche an Zugängen zu Tunnelstationen, größere Mülleimer und höhere Reinigungsintervalle angekündigt.
Der angekündigte Schutzanstrich betrifft damit vor allem öffentliche beziehungsweise von städtischen Partnern verantwortete Bereiche. Viele der dokumentierten Problemstellen liegen jedoch an privaten Gebäuden. Dort bleiben Reinigung und Instandhaltung Sache der Eigentümer. Ob die Stadt präventive Beschichtungen oder andere Schutzmaßnahmen unterstützt, geht aus der Drucksache nicht hervor.
Der Uringeruch unterscheidet allerdings nicht zwischen Zuständigkeiten.
Anfang 2026 folgte das Programm „Hannover – Mit Sicherheit zusammen!“.
Darin nennt die Stadt unter anderem:
- eine zusätzliche bahnhofsnahe Toilette,
- eine weitere Eco-Toilette in der Nähe des Hauptbahnhofs,
- zusätzliche Reinigungen an stark frequentierten Tagen,
- mehr Abfallfahnder,
- konsequentere Bußgelder,
- sowie eine KI-gestützte Erfassung von Verschmutzungen.
Doch auch hier lohnt sich der Blick auf die verwendeten Formulierungen.
Die zusätzliche Reinigung soll an bis zu 40 Tagen zunächst ausschließlich in der Fußgängerzone erprobt werden.
Eine weitere Eco-Toilette soll an einem zusätzlichen Standort getestet werden.
Andere Toilettenstandorte werden weiterhin geprüft.
Beim Bodenkunstwerk standen dagegen ein konkreter Finanzierungsrahmen, ein Zeitplan und die Umsetzung fest.
Für die Farbe wird beschlossen.
Bei der Grundversorgung wird geplant, geprüft und modellhaft erprobt.
Die Stadt hätte das Geld anders priorisieren können
Bei den 250.000 Euro handelt es sich nicht um eine zweckgebundene private Spende, sondern um kommunale Haushaltsmittel.
Der Rat hätte diese Summe politisch grundsätzlich auch für eine andere Investition einsetzen können – beispielsweise für die Errichtung einer dauerhaft zugänglichen öffentlichen Toilette oder eines Urinals im Innenstadtbereich.
Eine direkte Umleitung des bereits beschlossenen Betrags wäre selbstverständlich nicht mit einem Federstrich möglich gewesen.
Der Haushalt hätte entsprechend geplant und beschlossen werden müssen.
Doch genau darum geht es bei politischen Prioritäten.
Die Stadt entscheidet, welche Investitionen sie vorbereitet, in den Haushalt aufnimmt und schließlich umsetzt.
Der spätere Betrieb einer öffentlichen Toilette würde zusätzliche Kosten für Reinigung, Wartung und Instandhaltung verursachen.
Das gilt allerdings ebenso für ein Kunstwerk und eine Halfpipe, für deren Pflege bereits weitere Mittel vorgesehen sind.
Die Frage ist deshalb nicht, ob das Geld technisch von einem Projekt auf das andere hätte überwiesen werden können.
Die Frage ist, warum eine Viertelmillion Euro für ein zeitlich begrenztes Kunstprojekt politisch beschlossen wurde, während eine dauerhaft zugängliche sanitäre Infrastruktur weiterhin vor allem geplant, geprüft und erprobt wird.
Am Maschsee war für mehr Reinigung kein Geld da
Dass Haushaltsfragen bei der Sauberkeit durchaus eine Rolle spielen, zeigte bereits ein anderer Fall.
Im Juni 2025 berichtete Be-The.News unter dem Titel „Krähen im Glück, Bürger im Frust“ über überfüllte Mülleimer und verteilten Abfall am Maschsee.
Die Stadt erklärte damals, in den Sommermonaten werde täglich gereinigt und geleert.
Mehr sei aus dem zur Verfügung stehenden Budget nicht finanzierbar.
Natürlich lassen sich der Maschsee, die Innenstadt und der Raschplatz nicht eins zu eins miteinander vergleichen.
Unterschiedliche Fachbereiche und Zuständigkeiten spielen eine Rolle.
Sie ändern jedoch nichts daran, dass der Rat kommunale Investitionen politisch priorisiert.
Aus Sicht der Bürger entsteht ein bemerkenswertes Gesamtbild:
Für zusätzliche Reinigung fehlt das Budget.
Neue Toiletten werden geprüft.
Und für ein Bodenkunstwerk stehen 250.000 Euro bereit.
Haushaltstechnisch mag sich das erklären lassen.
Politisch muss man es trotzdem erklären können.
Kunst oder Toilette ist die falsche Alternative
Eine Stadt braucht Kultur.
Sie braucht Kunst, Veranstaltungen, Begegnungsorte und Angebote für junge Menschen.
Nicht jede öffentliche Investition muss einen unmittelbar messbaren finanziellen Gewinn erzeugen.
Auch das Raschplatz-Projekt kann einen echten Wert haben.
Die Frage ist deshalb nicht:
Kunst oder Toilette?
Die Frage lautet:
Warum gelingt es, ein sichtbares Kunstprojekt mit einem konkreten Finanzierungsrahmen kurzfristig umzusetzen, während bei seit Jahren bekannten Problemen der Sauberkeit und sanitären Grundversorgung weiterhin geplant, geprüft und erprobt wird?
Eine lebenswerte Innenstadt braucht beides.
Sie braucht attraktive Plätze und kulturelle Angebote. Sie braucht aber ebenso Reinigung, Abfallbehälter, soziale Hilfen und Toiletten, die dann geöffnet sind, wenn Menschen sie benötigen.
Ein bunter Boden kann einen Platz optisch verändern.
Gegen den Uringeruch in einer Gebäudeecke hilft er allerdings nur sehr begrenzt.
Ein Fall für das Schwarzbuch der Steuerverschwendung?
Ist das Raschplatz-Projekt Steuerverschwendung?
Diese Frage lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend beantworten.
Dafür fehlen eine genaue Kostenaufschlüsselung, der endgültige Abrechnungsstand und klare Angaben zu möglichen Folgekosten beim späteren Umbau.
Gerade deshalb könnte der Fall dem Bund der Steuerzahler zur Prüfung vorgelegt werden. Der Verband veröffentlicht regelmäßig sein „Schwarzbuch“ mit Beispielen mutmaßlich unwirtschaftlicher öffentlicher Ausgaben.
Nicht, um Kunst oder soziale Projekte pauschal abzuwerten.
Sondern um prüfen zu lassen, ob Kosten, Nutzungsdauer, Folgekosten und tatsächlicher Nutzen in einem nachvollziehbaren Verhältnis zueinander stehen.
Die entscheidenden Fragen liegen auf dem Tisch:
- Warum stellt die Stadt 250.000 Euro Steuergeld für das Bodenkunstwerk bereit?
- Welche Leistungen sind darin enthalten?
- Wie lange bleibt es bestehen?
- Welche Pflegekosten entstehen?
- Was geschieht beim Umbau ab 2028?
- Und weshalb lassen sich für ein solches Projekt konkrete Mittel bereitstellen,
während bei Toiletten und Sauberkeit weiterhin geplant und geprüft wird?
Aufenthaltsqualität beginnt bei den Grundbedürfnissen
Kunst darf eine Stadt Geld kosten.
Auch ungewöhnliche Ideen dürfen ausprobiert werden.
Eine Stadt, die niemals etwas wagt, wird weder schöner noch lebenswerter.
Doch öffentliche Investitionen brauchen nachvollziehbare Prioritäten und transparente Kosten.
Wer eine Viertelmillion Euro für ein als Zwischenlösung beschriebenes Bodenkunstwerk bereitstellt,
muss erklären können, warum bekannte Probleme der Grundversorgung offenbar deutlich schwerer zu lösen sind.
Aufenthaltsqualität beginnt nicht erst bei Street-Art, Veranstaltungen und Imagekampagnen.
Sie beginnt dort, wo Menschen ihre grundlegendsten Bedürfnisse erfüllen können, ohne Öffnungszeiten zu studieren, Kleingeld bereitzuhalten oder auf die nächste Einkaufsgalerie ausweichen zu müssen.
Wie bewertet ihr das Projekt: sinnvolle Stadtentwicklung, falsche Priorität oder tatsächlich ein Fall für „Mario Barth deckt auf!“?
Quellen:
Fotos:© P.R.-F.
Landeshauptstadt Hannover: Beschlussdrucksache 0572/2026 – „Raschplatz Kunst“
Landeshauptstadt Hannover: Informationsdrucksache 0057/2026 – „Hannover – Mit Sicherheit zusammen!“
Landeshauptstadt Hannover: Drucksache 1554/2024 – Maßnahmen für die Innenstadt
Be-The.News: „Müll City Hannover?“ – Offener Brief an Verwaltung und Politik
Be-The.News: „Krähen im Glück, Bürger im Frust“ – Maschsee-Müll-Skandal
Anmerkung der Redaktion: Für bessere Lesbarkeit verzichten wir in unseren Beiträgen weitestgehend auf geschlechtergerechte Sprache. Mehr dazu





























