Während wir uns streiten, verändert sich die Welt – die Kolumnenserie
Teil 3 von 6 · Technik und Sozialstaat
Die Folgen:
1·Auftakt | 2·Demografie & Migration | 3·Technik & Sozialstaat | 4·Energie im Alltag | 5·Energie & Gesellschaft | 6·Zukunft gestalten
Im letzten Teil ging es darum, wer künftig die Arbeit übernimmt, wenn große Jahrgänge in Rente gehen und kleinere nachrücken.
Neben Ausbildung, Zuwanderung und guten Arbeitsbedingungen gehört noch eine Möglichkeit dazu:
Technik, die uns bei der Arbeit unterstützt oder einzelne Aufgaben übernimmt.
Dabei geht es um ganz unterschiedliche Tätigkeiten. Man denke an technische Hilfen beim Heben eines Menschen in der Pflege, automatisierte Abläufe beim Sortieren und Transportieren von Waren oder Software, die bei der Bearbeitung von Dokumenten unterstützt.
Eine Maschine muss also nicht einen ganzen Beruf ersetzen, um etwas zu verändern. Sie kann einzelne Arbeitsschritte erleichtern und dadurch Zeit für andere Aufgaben schaffen.
Gerade angesichts des Generationenwechsels liegt darin auch eine Chance.
Dass Personal fehlt und zugleich Arbeitsplätze wegfallen können, ist somit kein Widerspruch:
Frei werdende Beschäftigte haben nicht automatisch die passende Ausbildung oder einen erreichbaren Arbeitsplatz dort, wo Menschen fehlen. Entscheidend ist deshalb, wie der technische Wandel bei ihnen ankommt.
Gleiche Produktion, weniger Arbeit
Stellen wir uns einen Betrieb mit zehn Beschäftigten vor. Durch neue Technik könnte er dieselbe Menge an Waren künftig mit sechs Menschen herstellen.
Der Betrieb hätte nun verschiedene Möglichkeiten. Er könnte versuchen, mit allen zehn Beschäftigten mehr zu produzieren — sofern es dafür Kunden gibt. Er könnte frei werdende Zeit für andere Aufgaben nutzen. Oder er könnte Stellen abbauen und dadurch Personalkosten sparen.
Auch kürzere Arbeitszeiten wären eine Möglichkeit. Ob sie bei gleichem Lohn finanzierbar wären, müsste sich zeigen:
Die eingesparten Arbeitsstunden müssten dafür genügend wirtschaftlichen Spielraum schaffen, nachdem die Kosten der Technik bezahlt sind.
Das Beispiel zeigt: Aus derselben technischen Verbesserung können unterschiedliche Folgen entstehen.
Welche davon eintritt, entscheidet die Maschine nicht.
Die Waren sind da – aber wovon leben die Menschen?
Nehmen wir an, der Betrieb baut tatsächlich vier Stellen ab. Dann werden weiterhin genauso viele Waren hergestellt wie zuvor.
Für die betroffenen Menschen stellt sich trotzdem eine unmittelbare Frage: Wovon leben sie künftig?
Finden sie eine andere, gut bezahlte Arbeit, kann der Übergang gelingen. Vielleicht entstehen durch neue Technik sogar zusätzliche Berufe. Doch daraus folgt nicht, dass jeder entfallene Arbeitsplatz sofort durch einen passenden neuen ersetzt wird.
Für die Betroffenen kann zunächst weniger Einkommen bleiben. Damit sinkt auch ihr Spielraum für Miete, Lebensmittel und andere Ausgaben.
Auch die Finanzierung verschiebt sich: Die Beiträge aus den bisherigen Löhnen entfallen. Beim Bezug von Arbeitslosengeld werden zwar Beiträge weitergezahlt, sie müssen dann aber von anderer Stelle getragen werden.
Quelle: Bundesagentur für Arbeit
Die Renten müssen trotzdem weitergezahlt und die Gesundheitsversorgung muss ebenso weiterhin finanziert werden.
Genau hier liegt die gesellschaftliche Aufgabe: Die Fähigkeit, Waren herzustellen, ist noch vorhanden. Aber der bisherige Weg, Einkommen und Beiträge über Arbeitsplätze zu verteilen, funktioniert für diese Menschen nicht mehr.
Das ist ein mögliches Szenario — keine Vorhersage —, dass Maschinen uns allen die Arbeit wegnehmen.
Es erklärt aber, warum technische Leistungsfähigkeit allein noch keine soziale Sicherheit schafft.
Wie könnte der Fortschritt breiter ankommen?
Ein erster Weg führt über den Betrieb. Beschäftigte sollten aus meiner Sicht frühzeitig erfahren, welche Aufgaben sich verändern. Weiterbildung kann ihnen helfen, neue Tätigkeiten zu übernehmen. Wo zusätzliche Erträge entstehen, können Unternehmen und Beschäftigte über höhere Löhne, Gewinnbeteiligungen oder kürzere Arbeitszeiten verhandeln.
Für Menschen könnte Fortschritt dann bedeuten, weniger unter Zeitdruck zu stehen oder neue berufliche Möglichkeiten zu erhalten.
Dafür braucht es konkrete Vereinbarungen.
Fallen Arbeitsplätze weg, gehört auch eine finanzielle Absicherung während des Übergangs dazu. Weiterbildung hilft schließlich wenig, wenn jemand währenddessen seine laufenden Ausgaben nicht bezahlen kann.
Ein zweiter Weg betrifft die gemeinsamen Einnahmen. Wenn ein Unternehmen durch neue Technik höhere Gewinne erzielt, entsteht Einkommen an anderer Stelle. Wer Unternehmensanteile besitzt, kann daran beteiligt sein.
Über die Besteuerung dieser Gewinne können auch öffentliche Aufgaben mitfinanziert werden.
Die Rente wird bereits heute aus Beiträgen und Steuermitteln finanziert. In der allgemeinen Rentenversicherung kamen 2024 rund drei Viertel der Einnahmen aus Beiträgen; hinzu kamen insbesondere Bundeszuschüsse.
Wir würden eine Finanzierung über Steuern also nicht erst neu erfinden.
Quelle: Deutsche Rentenversicherung, „Aktuelle Daten 2026“
Entscheidend ist, ob die Einnahmen mit der wirtschaftlichen Entwicklung Schritt halten und wie sie verwendet werden.
Höhere Unternehmensgewinne führen nicht automatisch zu mehr Geld in der Rentenkasse.
Fortschritt braucht passende Regeln
Dafür einfach jede Maschine mit einer Sonderabgabe zu belegen, wäre noch keine überzeugende Lösung.
Eine solche Belastung könnte auch Investitionen erschweren, die Beschäftigte entlasten oder fehlendes Personal ausgleichen.
Fachleute des Internationalen Währungsfonds empfahlen 2024 deshalb, die Besteuerung von Kapitaleinkommen zu stärken sowie Bildung und soziale Absicherung auszubauen. Eine spezielle KI-Steuer beurteilten sie dagegen kritisch.
Quelle: IWF-Beitrag zu KI und Finanzpolitik
Für mich folgt daraus eine politische Aufgabe: Wir sollten ermöglichen, dass Technik unsere Arbeit erleichtert.
Zugleich müssen wir dafür sorgen, dass Menschen von den Ergebnissen leben können und die gemeinsame Versorgung finanziert bleibt.
Dazu gehören Beteiligung im Betrieb, Unterstützung bei beruflichen Veränderungen und eine wirksame Besteuerung von Unternehmensgewinnen und anderen Kapitaleinkommen.
Wie diese ausgestaltet wird und welche Einnahmen sie bringt, muss konkret geprüft werden. Keine dieser Maßnahmen löst alles allein.
Wenn Maschinen mehr übernehmen, muss der erwirtschaftete Wohlstand nicht verschwinden.
Aber wir müssen gestalten, wie er bei den Menschen ankommt.
Im nächsten Teil geht es um Energie.
Auch dort entscheidet sich, welche wirtschaftlichen Vorteile neue Technik ermöglicht — und wer daran teilhaben kann.
Während wir uns streiten, verändert sich die Welt – die Kolumnenserie
Teil 3 von 6 · Technik und Sozialstaat
Die Folgen:
1·Auftakt | 2·Demografie & Migration | 3·Technik & Sozialstaat | 4·Energie im Alltag | 5·Energie & Gesellschaft | 6·Zukunft gestalten
Quellen:
Fotos: KI – generiert
Quellen: Bundesagentur für Arbeit ; Deutsche Rentenversicherung, „Aktuelle Daten 2026“ ; IWF-Beitrag zu KI und Finanzpolitik
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